– Venezuela
Venezuela: Der Weg zurück in den Alltag
Vor zwei Monaten erschütterten schwere Erdbeben den Norden von Venezuela. Die Bilder der Zerstörung sind aus den internationalen Schlagzeilen weitgehend verschwunden. Für die betroffenen Familien ist die Katastrophe jedoch längst nicht vorbei. Nach der ersten Nothilfe beginnt nun eine mindestens ebenso wichtige Phase: der Wiederaufbau. Die Jesuiten in Venezuela begleiten die Menschen dabei langfristig.
Am 24. Juni erschütterten zwei schwere Erdbeben Venezuela. Sie zählen zu den stärksten, die das Land seit mehr als einem Jahrhundert erlebt hat. Besonders schwer getroffen wurden dicht besiedelte Regionen im Zentrum und Norden des Landes, darunter La Guaira, Miranda, Carabobo und Aragua sowie die Hauptstadt Caracas. Nach dem jüngsten Stand kamen mindestens 6’000 Menschen ums Leben, fast 17’000 wurden verletzt. Zahlreiche Familien verloren innerhalb weniger Augenblicke Angehörige, ihr Zuhause und ihr gesamtes Hab und Gut.
«Gott gibt uns eine neue Chance zu leben»
Es war gegen 18 Uhr. Alex war mit seiner schwangeren Frau Kimberly und seiner Schwägerin zu Hause, als der Boden zu schwanken begann. Die Erschütterungen wurden von Sekunde zu Sekunde stärker. Sie mussten raus. Doch Wasser drang in das Gebäude ein, die Wohnungstür klemmte. Sekunden wurden zu einer Ewigkeit. Schliesslich schafften sie es ins Freie.
Drei Tage lang wagte sich kaum jemand zurück in die Häuser. Zwischen Trümmern und beschädigten Gebäuden schliefen Alex, Kimberly und ihre Nachbarinnen und Nachbarn in einem Garten vor ihrem Wohnhaus. «So viele Gebäude um uns herum waren eingestürzt. Diese Menschen haben alles verloren», sagt Alex.
Alex ist Lehrer und freiwilliger Mitarbeiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS). 15 Jahre lang gehörte er dem Jesuitenorden an, bevor er sich entschied, eine Familie zu gründen. Was ihn bis heute prägt, ist eine zentrale Haltung ignatianischer Spiritualität: Menschen zu begleiten. Bei ihnen zu bleiben, auch wenn es keine schnelle Lösung gibt.
Nach dem Erdbeben kehrte er mit dem JRS immer wieder in die besonders stark betroffenen Gebiete zurück. Er leistet psychologische Erste Hilfe und unterstützt ein Verteilzentrum, in dem Menschen mit dringend benötigten Hilfsgütern versorgt werden.
Doch auch Alex selbst brauchte Hilfe. Er kümmerte sich um seine Familie, half anderen, funktionierte. Bis seine Frau ihn eines Morgens fragte: «Träumst du in letzter Zeit so viel?» Sie hatte bemerkt, dass er nachts im Schlaf zitterte. «Bewusst denke ich: Mir geht es gut. Aber mein Körper und mein Kopf haben immer noch Angst.» Inzwischen spricht auch er mit einem Psychologen.
In einem der Katastrophengebiete begegnete Alex einem jungen Vater namens Marco, der mit seinen drei Kindern den Einsturz eines Gebäudes überlebt hatte. Marco sagte einen Satz, den Alex nicht vergessen kann: «Wir wissen nicht, wie wir leben sollen. Von jetzt an muss ich anders leben.» Für Alex steckt genau darin Hoffnung. «Das bedeutet Hoffnung: ein Neuanfang. Gott gibt uns eine neue Chance zu lernen, wie wir leben können.»
Doch für Alex ist klar: Das Erdbeben war erst der Ausgangspunkt. Die eigentliche Arbeit beginnt danach, der Wiederaufbau. Und der wird Jahre dauern. Der JRS wird diese Jahre mitgehen.
Nothilfe und Wiederaufbau müssen Hand in Hand gehen
Die Erdbeben trafen ein Land, das bereits zuvor unter einer schweren humanitären Krise litt. Die jesuitischen Partner haben deshalb unter dem Namen «The Mission is Venezuela – Emergency 2026» eine gemeinsame Hilfsstrategie entwickelt. Der Einsatz erstreckt sich über 24 Monate: In einer ersten Phase sollen 84’955 Menschen akute Nothilfe erhalten, in einer zweiten Phase stehen langfristiger Wiederaufbau und die Wiederherstellung von Lebensgrundlagen im Mittelpunkt.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Fe y Alegría, das jesuitische Schulnetzwerk. 73 Einrichtungen des Netzwerkes wurden beschädigt, 29 Schulen müssen dringend saniert werden. Ohne rasche Instandsetzung ist der Bildungsweg von 18’727 Schülerinnen und Schülern gefährdet. Für Fe y Alegría ist die Rückkehr in die Klassenzimmer weit mehr als die Wiederaufnahme des Unterrichts: Sichere Schulen geben Kindern und Jugendlichen Struktur, Stabilität und ein Stück Normalität zurück.
Neben Fe y Alegría sind der Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS und das Centro Gumilla an der gemeinsamen Hilfe beteiligt. Die Stärke dieses Netzwerks liegt vor allem darin, dass die Organisationen bereits lange vor dem Erdbeben vor Ort waren und die Menschen und ihre Bedürfnisse kennen.
Der Wiederaufbau wird Jahre dauern. Während die internationale Aufmerksamkeit nach Katastrophen häufig schnell weiterzieht, bleiben unsere Partner in Venezuela. Damit sie Familien weiterhin versorgen, Schulen wiederaufbauen und den Menschen langfristig neue Perspektiven ermöglichen können, sind sie weiterhin auf Unterstützung angewiesen.
Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende, damit aus der ersten Nothilfe ein nachhaltiger Neuanfang werden kann.


