– Syrien
Syrien – Situation und Perspektiven
Am Montag, 24. August 2026, nahm uns Pater Gerald Baumgartner SJ im aki Zürich mit nach Syrien, offen und persönlich. Er erzählte von einem Land, das zum ersten Mal seit Jahren nicht im Krieg ist und in dem sich trotzdem kaum an morgen denken lässt.
«Syrien: Situation und Perspektiven». Eher nüchtern habe er den Titel seiner Präsentation gewählt, so Gerald Baumgartner SJ zu Beginn. «Man kann nicht über das Land sprechen, ohne den Krieg zu erwähnen», sagte er und begann bei dem, was den Alltag bis heute prägt.
Syrien selbst sei derzeit nicht im Kriegszustand, so Baumgartner, während rundherum in der Region die Konflikte weitergehen. Sicher fühlt sich die Lage dennoch nicht an: Planbar ist wenig, oft nicht einmal die nächste Woche.
Mehr als Glaube
Ein Punkt, den Pater Baumgartner zum Verständnis seiner Erzählungen besonders hervorhob: In Syrien ist Religion keine persönliche Entscheidung. Man wird in sie hineingeboren und bleibt ein Leben lang mit ihr verknüpft. Sie ist mehr als Glaube, sie bedeutet zugleich Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, mit allem, was andere damit verbinden.
Wenn der Strom den Tag bestimmt
Wie sehr sich das Leben verändert hat, wurde an einem Beispiel greifbar. Vor drei Jahren kam die Elektrizität etwa alle sechs Stunden, wie lange sie blieb, wusste niemand. Vieles wurde damals kontrolliert, dafür konnte man sich den Strom leisten, und der ganze Tag ordnete sich diesem Rhythmus unter. Heute fehlen klare Regeln: Was erlaubt ist und was nicht, bleibt oft unberechenbar, und der Strom ist für viele unbezahlbar geworden. Und doch, sagte Baumgartner, habe sich etwas zum Guten gewendet: «Heute darf man über diese Dinge frei reden.»
Wie schwer die Lage wiegt, machte an diesem Abend auch Tony O’Riordan SJ deutlich, der bald als Regionaldirektor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes im Nahen Osten (JRS MENA) in die Region zurückkehrt. Aus seiner Erfahrung in Syrien nannte er konkrete Zahlen: Rund 90 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 80 Prozent fehlt es am Nötigsten.
Wo Hoffnung verloren geht
Gerade den jungen Menschen, erzählte Pater Baumgartner, sei die Hoffnung auf eine Zukunft vielerorts abhandengekommen. Genau hier sehe er die Aufgabe der Jesuiten. Sie wollen der Hoffnungslosigkeit etwas entgegensetzen, Gemeinschaft erfahrbar machen und da sein, wo Not ist. Und immer wieder, so Baumgartner, begegne er dabei dem Lebenswillen der Menschen und ihrer Bereitschaft, einander zu helfen.
Wie dieser Lebenswille aussehen kann, zeigte die Geschichte einer jungen Frau, die Psychiaterin werden möchte. Dass sie im Land selbst keine gute Ausbildung findet, hat sie erkannt. Umso stärker hat sie sich vorgenommen, nach ihrem Studium unbedingt nach Syrien zurückzukehren.
Gräben, die tief reichen
Doch Gemeinschaft entsteht nicht von selbst. Wie tief die Gräben zwischen den Gruppen verlaufen, machte Baumgartner an zwei Begegnungen deutlich. Einem Mann, mit dem er zusammenarbeitete, fiel es lange schwer, ihm in die Augen zu sehen: Baumgartner spricht Arabisch mit Akzent, und einzelne Wörter klangen bei ihm wie bei den Alawiten, mit denen dieser Mann Schlimmes verbindet. Ein anderes Mal erzählte er von einer jungen Muslimin, die kein Kopftuch trug und in ihrer Klasse für eine Christin gehalten wurde. Als herauskam, dass sie Muslimin ist, verlor sie die Hälfte ihrer Freundinnen und Freunde.
Sichere Räume der Hoffnung
Verständigung beginnt oft beim Gemeinsamen. Fast alle in Syrien haben den Krieg erlebt, fast alle tragen Erinnerungen und Verletzungen mit sich. Die unterschiedlichen Gruppen an einen Tisch zu bringen, braucht Zeit, Geduld und Vertrauen. Genau dafür schaffen die Jesuiten Räume. In den Quartierzentren in Damaskus, Homs und Aleppo finden Menschen Nothilfe, Bildung und Begegnung unter einem Dach, Orte, an denen sie sicher sind, zusammenkommen und nicht allein bleiben.
Durch alle Krisen hindurch sind die Jesuiten in Syrien geblieben, und sie bleiben.


