– Indien
«Ich bin kein stiller Zuschauer» – Das Vermächtnis von P. Stan Swamy
Stan Swamy war Jesuit und Menschenrechtsaktivist, der sein Leben dem Einsatz für die Adivasi widmete, der indigenen Bevölkerung im indischen Bundesstaat Jharkhand. Er lebte und arbeitete mit ihnen, lernte ihre Sprache, dokumentierte Unrecht und klagte vor Gericht für die Freiheit Hunderter zu Unrecht Inhaftierter. «Wahrheit muss ausgesprochen werden, das Recht auf abweichende Meinungen muss gewahrt bleiben und auch den Armen muss Gerechtigkeit widerfahren. Ich bin kein stiller Zuschauer», schrieb er.
Die Adivasi gehören zu den am stärksten marginalisierten Bevölkerungsgruppen Indiens. Der Reichtum ihres Landes an Bodenschätzen ist ein wesentlicher Grund, weshalb sie seit Jahrzehnten vertrieben, ihrer Ressourcen beraubt und rechtlich benachteiligt werden. Stan Swamy setzte sich unermüdlich dafür ein, dass ihre verfassungsmässigen Rechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern auch in der Realität gelten. Gemeinsam mit seinem Forschungsteam in Bagaicha befragte er 102 Untersuchungshäftlinge und stellte fest, dass 97 Prozent von ihnen höchstwahrscheinlich zu Unrecht als Terrorverdächtige inhaftiert worden waren. Auf dieser Grundlage reichte er eine Klage im öffentlichen Interesse vor dem High Court von Jharkhand ein, um ihre Freilassung zu erwirken.
Sein Engagement machte ihn zur Zielscheibe. Im Oktober 2020 wurde der damals 83-Jährige von der nationalen Terrorismusbekämpfungsbehörde verhaftet und angeklagt. Der Jesuitenorden, die indischen Bischöfe sowie zahlreiche Menschenrechtsorganisationen setzten sich für seine Freilassung ein. Nach acht Monaten Haft starb er am 5. Juli 2021 in einem Spital, ohne je freigesprochen worden zu sein.
Seine Schriften erscheinen zum ersten Mal auf Deutsch. Die Publikation «Ich bin kein stiller Zuschauer», herausgegeben von der Adivasi-Koordination in Deutschland, der Zeitschrift «Südasien» und dem Südasienbüro, lässt Stan Swamy selbst zu Wort kommen: über seinen Weg zu den Adivasi, über Landraub und Ungerechtigkeit, über Verhöre und Haft. Seine Worte sind ein Vermächtnis, das auch nach seinem Tod nachwirkt.



